Einer der Jungen im Stall fragt: "Und warum, äh, stürzten sich die Schweine in den See?" Anscheinend hat er seine spontanen Fragen besser auswendig gelernt als der Erzähler seine Stichworte.
"Weil Schweine offenbar weniger aushalten können als Menschen; wenn so was wie so 'ne Geisteskrankheit in den Menschen wohnt, das können sie noch irgendwie zitternd und sonstwo aushalten, aber wenn so 'ne Krankheit in Schweine kommt, überhaupt in Tiere kommt", als ob Menschen keine Tiere wären, sondern dem Pflanzen- oder Mineralreich zuzuordnen, "dann gehen sie zugrunde, dann gehen sie tot. Also, daß sie in den See sich stürzten war nur die Folge davon, daß sie offenbar geisteskrank wurden in diesem Augenblick." Offenbar.
Der Mann, der den Kindern diesen biblischen Unfug auftischt, ist kein anderer als Fernsehpfarrer Jürgen Fliege[ARD94]. Wenig später erfahren die Kinder von Fliege, daß "Kranke stinken" und Behinderte etwas an sich haben, das andere Menschen "gruslig oder fürchtend macht, unsicher und ängstlich macht."
"Aber wenn es keine Dämonen gibt", fragt ein Junge, "warum fürchten sich denn die Leute davon?"
Fliege nickt. "Irgendwas muß es geben."
Dämonen eben, wie schon die Bibel lehrt. Und die Kinder, denen Fliege das weismacht, glauben ihm natürlich, und lernen so ganz nebenbei wie aus vielen anderen biblischen Geschichten, daß es völlig in Ordnung ist, Tiere, beispielsweise Tausende von Schweinen zu umzubringen, schließlich hat das liebe Jesulein das auch gemacht.
Überspringen wir erst einmal ein paar Jahrhunderte, all die nichtmenschlichen Opfer der Inquisition etwa, die auf dem Scheiterhaufen endeten. Wie sieht das Verhältnis von Christen zu nichtmenschlichen Tieren in der Gegenwart aus?
Betrachten wir einige Gemmen aus zwei Schriften der zwei größten christlichen Sekten1, die beide hypokritisch die Phrase "Verantwortung des Menschen für das Tier" im Titel tragen,[Ver92] und[Ver93]. Zunächst die Evangelische Kirche Deutschlands: "Für die christliche Sicht des Verhältnisses von Mensch und Tier bleibt grundlegend, wie die Bibel [...] dieses Verhältnis bestimmt." (S. 4) Wie das aussieht, wurde schon im ersten Teil gezeigt, und entsprechend gilt heute: "In diesem Kontext ist die Beauftragung des Menschen zur Herrschaft über die Tiere2 und über die Erde insgesamt zu lesen und zu deuten. Sie macht auf fundamentale Unterschiede zwischen Menschen und ihren Mitgeschöpfen aufmerksam. Von der unveräußerlichen Würde und dem uneingeschränkten Lebensrecht jedes einzelnen kann nur beim Menschen die Rede sein." (S. 5) "Barmherzigkeit, Humanität und Gerechtigkeit sind unteilbar. Wird eingeschärft, daß sie das Verhältnis zum Tier bestimmen sollen, so ist zugleich daran zu erinnern, daß sie auch gegenüber den Menschen gelten, die - aus welchen Gründen auch immer - die Nutzung von Tieren beruflich betreiben." (S. 14) Der Kernsatz der Erörterung von "problematischen Umständen" bei "der Haltung [...], dem Tiertransport und der Schlachtung" lautet: "Prinzipiell läßt sich [...] gegen die Tötung von Tieren zum Zwecke der menschlichen Ernährung nichts einwenden" (S. 15) Und auch die folgenden Dogmen zeigen eine Wahrnehmungsstörung, wie sie deutlicher kaum sein könnte: "Daß Menschen unter ethischen Gesichtspunkten das Recht haben, Tiere zu eigenem Nutzen zu halten, ist im Prinzip nicht strittig." (S. 17). "Die Tätigkeit des Jägers [...] bleibt auch unter den heutigen, veränderten Verhältnissen im Rahmen der Hege und Pflege von Wald und Flur notwendig und im Sinne der Nutzung des Wildtierbestandes für die menschliche Ernährung - jedenfalls für die meisten - ethisch vertretbar." (S. 20) "Die Nutzung tierischer Felle (und Häute) ist nicht als solche problematisch; wo Tiere aus anderen Gründen getötet werden (oder sterben), kann gegen die Verwendung ihrer Felle (und Häute) nichts eingewendet werden." (S. 22) "Übergroße Bestände [von Stadttauben oder streunenden Katzen] müssen auf jeden Fall reduziert werden." (S. 26) etc. ad nauseam. Heuchlerisch geht es weiter (nachdem bereits von "schonende[r] Tötung", S. 22, die absurde Rede war): "Im Unterricht und Gottesdienst hat die Kirche wichtige Möglichkeiten, in den Kindern, den Heranwachsenden und Erwachsenen die Liebe zur Schöpfung zu wecken und den Grund für ein sorgfältiges, barmherziges, humanes Umgehen mit allen Geschöpfen zu legen." (S. 26) "Soweit in kirchlichen Anstalten landwirtschaftliche Betriebseinheiten bestehen, müssen Aufzucht und Haltung der Tiere artgerecht erfolgen und von liebender Sorge geprägt sein." (S. 27)
Die den gesamten Text durchziehende Heuchelei wird übrigens mehrfach euphemistisch zum "Dissens" (u.a. S. 54) geadelt.
Fazit: "Wir Menschen sind berechtigt, Leistungen und Leben der Tiere in Anspruch zu nehmen."[Hir80]
Die - katholischen - "Positionen" der Deutschen Bischofskonferenz[Ver93] lesen sich so: "Es herrscht weitgehend Konsens darüber, daß der Mensch in dieser Welt das einzige vernunftbegabte Wesen ist." (S. 8; entgegen diesem Konsens sei die Anmerkung gestattet, daß es hier zahlreiche Gegenbeispiele gibt: nicht nur vernunftbegabte nichtmenschliche Tiere zuhauf, sondern offenkundig Milliarden Gläubige bar jeder Vernunft). "Einzig der Mensch, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes", fährt der Text verlogen fort, "besitzt hinsichtlich seines Handelns die Möglichkeit einer freien Entscheidung. [...] Als alleiniger Träger der Vernunft hat der Mensch die Möglichkeit, als Sachwalter für Gottes Schöpfung darüber hinaus das Recht, die ihn umgebenden Tiere und Pflanzen sowie die unbelebte Natur zu 'nutzen'." Abstriche werden zwar diesbezüglich großzügig gemacht, was "Tierversuche[n] zum Zwecke der Erforschung neuer Kosmetika" (S. 11), "Luxusprodukte" wie "Pelzmantel" und "Gänsestopfleber" (S. 12f) etc. betrifft. Jedoch: "Im Unterschied zum Menschen als Personwesen haben Pflanzen und Tiere kein unantastbares individuelles Lebensrecht." (S. 24, aus einer Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, 1980). "Natürlich stehen Tiere im Dienst der Menschen und können daher Gegenstand von Experimenten sein." (S. 24, Ansprache von Papst Johannes Paul II, 1982). So lautet eine der "Anregungen für den schulischen Religionsunterricht" (S. 46, Euphemismus für Indoktrination von Kindern mit religiösem Wahn): "Die Sonderstellung des Menschen als Ziel und Mitte der Schöpfung und seine gestufte Solidarität mit den Mitgeschöpfen bleibt dabei eine grundlegende Gegebenheit." Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: Ausbeutung anderer Spezies ist "gestufte Solidarität". "Diese christlich motivierte sittliche Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung folgt [...] aus einer Heilszusage, die allein dem Menschen zukommt und ihn vom Tier qualitativ unterscheidet: aus seiner Gottebenbildlichkeit." (S. 48)
Noch deutlicher wird der Katholische Katechismus: "Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gesellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten. [...] Auch ist es unwürdig, für [Tiere] Geld auszugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte3. Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt." (S. 45)
Doch es sind nicht nur solche Einzelfälle, sondern vielmehr verbreitete gesellschaftliche Phänomene, die aus dieser christlichen Einstellung den Tieren gegenüber folgen.
Freitags sind Fischleichen in Kantinen, Mensen und Restaurants allgegenwärtig - aufgrund der christlichen Regel, freitags kein "Fleisch" zu verzehren, und weil Fische - zumindest für Leute, die mehr an Religion8 als an Realität interessiert sind - ja irgendwie keine "richtigen" Tiere sind (so wie, entgegen biologischer Wirklichkeit Menschen für sie nicht zu den Tieren zählen, jedoch mit entgegensetzten Konsequenzen). Auch andere Tiere sind von christlichen Gebräuchen betroffen. Solche christlichen Fastenregeln führen bisweilen zu absonderlichstem (und selbstentlarvendem) Verhalten. So erklärten Missionare, zur Freude christlicher Konquistadoren9, die südamerikanischen Wasserschweine (die größten noch lebenden Nagetiere) kurzerhand zu Fischen, was sie zu einer beliebten "Fastenspeise" machte. Um auch während der Fastenzeit Leichen konsumieren zu können, zerhackten Zisterzienser des Klosters Maulbronn die Körperteile, färbten sie zur Tarnung mit Spinat und Petersilie grün und verhüllten sie mit Nudelteig - die schwäbischen Maultaschen waren erfunden.
Zum Martinstag werden allein in Deutschland über sechs Millionen Gänse getötet - willkommener Vorwand ist die Legende, Martin von Tours habe sich versteckt, um der Wahl zum Bischof zu entgehen, sei aber durch schnatternde Gänse verraten worden, oder auch die, Gänse hätten ihn in der Kirche bei einer Predigt unterbrochen, seien dafür gefangengenommen, umgebracht und gebraten worden, so daß heute in einer Art Sippenhaft Gänseleichen vor allem an diesem Tag - und Weihnachten - konsumiert werden. In unzähligen Hubertusmessen segnen Priester etwa unter dem Motto "Bewahrung der guten Schöpfung Gottes" die Bluttaten der Jäger, die dann den Choral "Großer Gott wir loben dich" erklingen lassen[Krü01]. Es wird versucht, Zoos zu euphemisieren als "Arche Noah", wobei Arterhaltung als Motiv vorgeschützt wird, einer "Arche Noach, in welcher der Mensch einen Rest von Schöpfung gegen eine von ihm selbst veranstaltete Sintflut schützte", wie es ein Hirtenschreiben in selbst für Bischöfe verblüffend dreister Umkehrung der biblischen Schilderung in anderem Kontext formuliert[Hir80].
Die biblischen Geschichten, von denen hier bereits einige dargestellt wurde, dienen der Indoktrination von Kindern in Kindergärten, "-gottesdiensten" und Schulen; wer hat nicht als Kind von der bösen Schlange gehört, die zur Strafe dafür, daß sie die Menschen im Paradies verführte, Gottes Willkürgebot zu brechen, fortan verflucht war: "Auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage Deines Lebens." (Gen 3:14) - wobei sich die Frage stellt, wann und wodurch sich ihre Ernährung inzwischen gewandelt hat und vor allem, wie sie sich vorher fortbewegte, etwa Schwanz im Mund als Reifen rollend? -; von der globalen, speziesübergreifend nahezu genoziden Überschwemmung, ausgelöst von einem angeblich lieben Gott (Gen 6-9); von den zehn leichenreichen, wie aus einem Stephen King-Schmöker gefallenen Plagen, mit denen Gott die Ägypter heimsuchte (Ex 7-12) samt anschließender hollywoodreifer Überflutung des Moses verfolgenden Reiterheeres (Ex 14:15-31); von Sodom und Gomorra, auf die Gott Feuer und Schwefel regnen ließ (Gen 19:24), so daß alle dort lebenden Menschen und andere Tiere lebendig gegrillt wurden; von der "Speisung der 5000" durch Jesus, der ein Picknick veranstaltete, bei dem er nicht nur Brot, sondern auch Fischleichen verteilte (Mk 6:30-44). Gerade Kinder werden vielfach zu Dankgebeten für "Speis' und Trank", in der Regel Leichen, gezwungen. Zur Erinnerung: "Im Unterricht und Gottesdienst hat die Kirche wichtige Möglichkeiten, [...]".[Ver92]
Absichtlich oder gedankenlos wird das Wort "Geschöpf" gebraucht, das einen Schöpfer impliziert (hier zeigt sich bei genauerer Betrachtung auch häufig eines der wahren Motive hinter christlichem "Tierschutz": nicht um die Tiere geht es, sondern darum, Gott nicht die Spielsachen kaputt zu machen).
Was die oben zitierten "landwirtschaftliche Betriebseinheiten", die "in kirchlichen Anstalten bestehen" betrifft: gerade Klöster sind voll von Tierausbeutungsanlagen. Ob Legebatterien wie die im Kloster Reute, gegen die es vor einigen Jahren Proteste verschiedener Tier"schutz"organisationen - nicht ganz uneigennützige, weil von einem "Bioeier"produzenten initiierte, was wohl erklärt, daß nur gegen der Käfighaltung, nicht gegen die Gefangenhaltung der Hühner an sich oder die der Schweine auf Spaltenböden, ebenfalls in diesem Kloster, protestiert wurde - gab[Fal97], wobei der Biotierausbeuter gleich in einer Postille einer Konkurrenzsekte zum "Tierschützer" stilisiert wird: "Der heilige Franz von Assisi hätte sich geschämt, wenn er so etwas hätte mit ansehen müssen", wird Fallenbeck da zitiert.[Wei97], oder bei den Nonnen im "Gut Neuhof", Franziskanerinnen, die Drogenkonsumenten, staatlich subventioniert, von der substanzgebundenen in eine geistige Abhängigkeit treiben, sie dabei sklavenähnlich nach dem Motto "ora et labora", bete und arbeite, bei der Ausbeutung von gefangenen Schafen, Hühnern, Schweinen usw. einsetzen[Orb02]; eine "eigene Metzgerei" steht kurz vor der Fertigstellung. Dies sind nur zwei Beispiele, in Hunderten von Klöstern wird Fischzucht betrieben, werden Eier, Käse, Honig "hergestellt", Ziegen und Enten gefangengehalten und umgebracht.
Wahnsinn mit Methode. Weltweit bekennen sich fast zwei Milliarden Menschen, also jeder dritte, zum Christentum. Sicher existieren auch andere Ursachen als Religion, so wie es auch andere Gründe für Kriege gibt (etwa jeder zweite zur Zeit geführte ist religiös bedingt), und es befinden sich durchaus auch Atheisten in Schützengräben und Steakhäusern. Aber während Gottes vermeintlicher Wille geeignet ist, jegliche Tat zu rechtfertigen, läßt sich dies mit der Abwesenheit eines Glaubens an Götter eben nicht tun.
Das Christentum also ist eine der Hauptursachen für den Umgang von Menschen mit nichtmenschlichen Tieren in dieser Gesellschaft.
Fußnoten
zu Teil 1: Furcht und Schrecken sei über allen Tieren