englisches Original

Ein Interview mit Gary L. Francione

über den Stand der Tierrechtsbewegung in den USA

Gary L. Francione ist Juraprofessor, Nicholas deB. Katzenbach Distinguished Scholar für Jura und Philosophie an der Rutgers University School of Law. Professor Francione hielt die erste Vorlesung über Tierrechte und Gesetz in einer amerikanischen juristischen Lehranstalt im Jahr 1989. Sein neuestes Buch heißt Introduction to Animal Rights: Your Child or the Dog? ("Einführung in die Tierrechte: dein Kind oder der Hund?", Temple University Press, 2000) [Anm.d.Übers.: inzwischen ist das neuste Buch "Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation" ("Tiere als Personen: Essays über die Abschaffung der Tierausbeutung", Columbia University Press, 2008)]. Zu seinen anderen Büchen gehören: Animals, Property, and the Law ("Tiere, Eigentum und das Gesetz", Temple University Press, 1995), and Rain Without Thunder: The Ideology of the Animal Rights Movement ("Regen ohne Donner: die Ideologie der Tierrechtsbewegung", Temple University Press, 1996). Professor Francione ist Ko-Autor (zusammen mit Anna Charlton) von Vivisection and Dissection in the Classroom: A Guide to Conscientious Objection, ("Vivisektion und Sektion im Klassenzimmer: ein Führer zur Gewissensverweigerung"), das erfolgreich von Studenten im ganzen Land und überall auf der Welt verwendet wurde, um Alternativen zur Tiernutzung im Klassenzimmer zu erhalten. Zehn Jahre lang betrieben er und die Assistenzprofessorin Anna Charleton der Rutgers University die "Rutgers Animal Rights Law Clinic", die denen, die für Tiere eintreten, kostenlose juristische Dienste anbot und als nationale Tierrechts-Denkfabrik diente. Die von der Klinik entwickelten Ressourcen sind unter http://www.animal-law.org zu finden [Anm.d.Übers.: inzwischen eine Weiterleitung auf Franciones Seite www.abolitionistapproach.com].

Professor Franciones Theorien unterscheiden sich sehr von denen Peter Singers und Tom Regans. Im Unterschied zu Singer, der für Tierschutz eintritt und das Tierrechtskonzept ablehnt, vertritt Francione die Ansicht, daß Tierschutz keinen bedeutsamen Schutz für Tiere bieten kann, da Tiere rechtlich als Eigentum angesehen werden, und daß Rechte erforderlich sind, wenn Tiere mehr sein sollen als die Sachen, als die sie derzeit gelten. Im Unterschied zu Regan, der die Ansicht vertritt, daß nur bestimmte kognitiv entwickelte Tiere Rechte habe, sagt Francione, daß Empfindungsfähigkeit allein ein Wesen für das qualifiziert, was er als das Grundrecht schlechthin betrachtet: das Recht, nicht jemandes Eigentum zu sein. Zusammengefaßt sagt Francione, daß alle Wesen mit Empfindungsfähigkeit - und nicht nur die, die uns am "ähnlichesten" sind - notwendigerweise ein Selbstbewußtsein haben und an ihrem Leben interessiert sind. Daher genügt es nicht zu sagen, daß ein Tier auf dem Weg zu unserem Teller human behandelt werden soll. Desweiteren hat Francione mehr dafür getan, den Kampf für die Tierrechte mit anderen sozialen Bewegungen zu vernüpfen, als irgendein anderer Autor.

Francione juristische und philosophische Ansichten sind wahrhaft originell und einzigartig in der Bewegung, und es ist uns ein Vergnügen, dieses Interview mit Gary Francione zu präsentieren.

FoA: Sind Sie der Meinung, daß der Tierrechtsstandpunkt bedeutet, daß Tiere genau die gleichen Rechte haben sollten wie Menschen?

Gary Francione: Nein. Meiner Ansicht nach sollten alle empfindungsfähigen Wesen ein Recht haben: das Recht, nicht als unser Eigentum behandelt zu werden - das Recht, nicht nur ausschließlich als Mittel zu menschlichen Zwecken geschätzt zu werden. In meinem neuesten Buch, Introduction to Animal Rights: Your Child or the Dog?, (Einführung in die Tierrechte: Dein Kind oder der Hund) vertrete ich den Standpunkt, daß wir, wenn wir Tieren nicht dieses eine Recht zugestehen, gleich, was wir darüber sagen wie ernst wir die Interessen von Tieren nehmen, Tiere notwendigerweise lediglich als Besitztum behandeln. Und das ist genau das, was derzeit geschieht: wir alle sagen, daß wie die Interessen von Tieren ernst nehmen, aber in Wirklichkeit behandelt unsere Gesellschaft Tiere ganz genau so wie sie jede andere Form von Besitz behandelt. Wenn wir jedoch Tieren dieses eine Recht zugestünden, nicht als Eigentum behandelt zu werden, wären wir gezwungen Tierausbeutung abzuschaffen statt sie nur zu regulieren, weil unser Gebrauch von Tieren für Ernährung, Experimente, Produkttests, Unterhaltung und Kleidung darauf beruht, daß Tiere nichts als Besitz sind. Wenn wir akzeptieren würden, daß Tiere das Recht haben, nicht als unser Besitz behandelt zu werden, würde das zur Einstellung der Züchtung domestizierter Tiere führen.

Es interessiert mich nicht, ob eine Kuh einen Landwirt verklagen können sollte; mich interessiert, warum es die Kuh überhaupt gibt.

FoA: Wie sehen Sie die derzeitige Tierrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten?

Gary Francione: Es gibt keine Tierrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten. Es gibt nur eine Tierschutzbewegung, die bestrebt ist, sich für die "humane" Ausbeutung von Tieren zu auszusprechen. Um Tierrechte zu erreichen, ist es wesentlich, die grundlegenden rechtlichen und philosophischen Argumente für die Abschaffung zu verstehen. Logischerweise ist es nicht möglich, das System, das Tiere ausbeutet, zu reformieren; wir müssen die Ausbeutung abschaffen. Der abolitionistische Standpunkt ist der, daß die Institution des Tierbesitzes moralisch nicht zu rechtfertigen ist, ebenso wie es die Institution des Menschenbesitzes, die wir Sklaverei nannten, war.

Einige derer, die für Tierschutzreformen eintreten, sind der Ansicht, es sei akzeptabel Tiere zu benutzen, wenn es "human" geschieht. Andere streben Reformen an, weil sie glauben, daß Reformen schließlich zur Abschaffung führen. Ich spreche mich gegen diese Vorstellungen aus zwei Gründen aus.

Erstens geht, als theoretische Angelegenheit, Reform am wesentlichen moralischen Punkt vorbei. Es ist natürlich immer besser, weniger Leiden zu verursachen als mehr, aber die wirkliche Frage ist, ob Menschen überhaupt das Recht haben, Tieren Leid zufügen zu dürfen, abgesehen von unserer Behandlung der Tiere als Eigentum. Die Reformer des 19. Jahrhunderts argumentierten, daß es für einen Sklavenbesitzer besser wäre, seinen Sklaven viermal pro Woche zu schlagen als fünfmal. Die Abolitionisten argumentierten, das alle Menschen mindestens das Recht hätten, nicht Eigentum eines anderen zu sein; daß Eigentum zu sein bedeutete, ein Besitz zu sein bedeutete, daß ein Mensch keinen Wert hatte, außer dem, der dem Sklaven durch den Besitzer zugemessen wurde. Der abolitionistische Standpunkt lautete, daß es falsch sei, Sklaven überhaupt zu schlagen, weil die Einrichtung der Sklaverei selbst moralisch nicht zu rechtfertigen war und es gleichgültig war, wie "human" wir die Sklaverei machten. Ein Streichquartet an den Weg zu den Gaskammern zu setzen - wie es die Nazis während des Holocaust taten - mag die Dinge in gewissem Sinn "humaner" machen, aber das geht am Punkt vorbei, oder nicht?

Wenn Tiere moralisch überhaupt zählen, müssen wir die Einrichtung des Tierbesitzes abschaffen. Wir müssen aufhören, domestizierte Tiere zu erschaffen und zu besitzen oder wilde Tiere als Mittel für unsere Zwecke zu gebrauchen. Meiner Ansicht nach sollten wir Tierversklavung abschaffen und nicht danach streben, eine inhärent unmoralische Einrichtung zu reformieren.

Der zweite Grund für meine Ablehnung des Tierschutzes ist der, daß es, als praktische Angelegenheit, nicht funktioniert. Wir haben bis heute in den meisten westlichen Ländern seit über hundert Jahren Tierschutzgesetze gehabt, und sie haben wenig dafür getan, das Leiden der Tiere zu verringern, und sie haben mit Sicherheit nicht zu einer allmählichen Abschaffung irgendwelcher Praktiken geführt.

Peter Singer wurde kürzlich zitiert, der gesagt hat, daß die Vereinbarung von McDonald's, Batteriehennen ein paar Zentimeter mehr Käfigplatz zu geben, die wesentlichste Entwicklung für Nutztiere sei, seit er Animal Liberation schieb. Funfündzwanzig Jahre Tierschutzreformen, und das besste, das wir vorzuweisen haben, ist ein größerer Batteriekäfig. Vielleicht findet Peter das aufregend; ich nicht. Es ist ein deutliches Indiz für das, was ich nun seit einem Jahrzehnt sage: Tierschutzreformen sind nutzlos.

Zur Frage, weshalb Tierschutz versagt, dies war Thema meines 1996 erschienenen Buchs Rain Without Thunder: The Ideology of the Animal Rights Movement (Regen ohne Donner: die Ideologie der Tierrechtsbewegung). Kurz gesagt, die Ursache hat mit dem Eigentumsstatus der Tiere zu tun. Wenn Tiere Eigentum sind, haben sie keinen Wert außer dem, den ihnen ihre Besitzer beimessen. Reform funktioniert nicht, weil sie danach strebt, die Besitzer dazu zu zwingen, ihr Eigentum anders zu bewerten und Kosten auf sich zu nehmen, um die Interessen von Tieren zu berücksichtigen. Unsere rechtlichen und politischen Systeme basieren stark auf Konzepten von Eigentumsrechten. Daher gibt es eine Abneigung dagegen, die Kosten für Reformen den Besitzern aufzubürden, wenn diese Kosten den Wert des Tierbesitzes, soweit der Besitzer betroffen ist, wesentlich verringern.

FoA: Diese Theorie ist in der Tat logisch. Aber wie steht es mit der Umsetzung Ihrer Ideen in die alltägliche Praxis?

Gary Francione: Bevor irgendwelche praktischen Anstrengungen unternommen werden, muß es eine Theorie geben, die die Taten begründet. Eine soziale Bewegung muß eine Theorie haben, wenn sie überhaupt Taten haben soll. Unglücklicherweise informiert zur Zeit der Tierschutzstandpunkt Peter Singers die Bewegung. Dieser Standpunkt behauptet, daß Aktivisten jede Maßnahme unterstützen sollten, die "Leiden verringert". Diese Theorie hat katastrophale Folgen in der Praxis. Nahezu jede vorgeschlagene Änderung, etwa Batteriehennen zweieinhalb Zentimeter mehr Platz zu geben oder nur Kalbfleisch zu essen, das nicht aus Boxenhaltung stammt, kann als leidverringernd dargestellt werden. Singers Theorie erlaubt es großen, Multimillionen-Dollar-Tierschutzorganisationen mit gemäßigten Kampagnen daherzukommen und dann zu fordern, daß wir alle auf den Zug aufspringen sollen, weil diese das "Leiden verringern". Gemäß Singers Theorie wäre es sinnvoll für Tierausbeuter, die Zustände für die Tiere so schrecklich wie möglich zu machen um in der Lage zu sein, "Leiden zu verringern" und damit kleine Zugeständnisse an die Aktivisten zu machen. Das ist genau das, was die Ausbeuter tun, wobei McDonald's sogenannte "Verbesserungen" ein mustergültiges Beispiel für das Problem sind. Und die "Bewegung" kauft ihnen das ab, weil Singer erklärt hat, diese unwesentlichen Veränderungen würden "Leiden verringern".

Ich behaupte, daß wir eine neue Theorie brauchen um die, die wir haben, zu ersetzen. Ich bin nicht unrealistisch. Ich weiß, daß selbst wenn wir die abolitionistische Theorie annehmen, die Abschaffung nicht unmittelbar erfolgen wird. Die Änderung wird zwingend schrittweise erfolgen. Aber es ist meine Ansicht, daß das ausdrückliche Ziel Abschaffung sein muß und daß die Abschaffung die schrittweise Änderung gestalten muß.

Auf der anderen Seite kann ich Ihnen sagen, was wirklich unrealistisch ist, und das ist, zu erwarten, daß die Industrie, die Tiere benutzt um Profit zu machen, in der Lage sein wird, sich selbst zu überwachen. Wie ich des öfteren bemerkte, sind Gesetze zum "humanen Schlachten" schwer durchzusetzen, und die ökonomischen Realitäten der Fleischverarbeitungsindustie kämpfen gegen eine eigene gewissenhafte Durchsetzung solcher Standards. Darüberhinaus erhöhen solche Gesetze wohl die Gesamtheit des Leidens, weil die allgemeine Öffentlichkeit sich beim Fleischessen besser fühlt oder bei jeder anderen Form gesetzlich geregelter Tiernutzung. Das ist der Haken beim Tierschutz.

Es wird immer Tierschützer geben, die sich für längere Ketten für die Sklaven aussprechen und dies schrittweise Änderung nennen werden. In Rain Without Thunder legte ich dar, daß die wichtigste Form schrittweiser Änderung darin besteht, die Öffentlichkeit über die Notwendigkeit der Abschaffung aufzuklären. Das hatten wir bislang noch nicht, weil es der US-Bewegung immer peinlich war, "radikal" zu sein. Wir wollen doch nicht die "breite Masse" befremden. Das Problem besteht darin, daß die "breite Masse" korrumpiert ist. Wir sollten uns von der "breiten Masse" fernhalten.

Denen, die behaupten, die Abolitionisten könnten derzeit keine praktischen Kampagnen durchfühen, habe ich längst entgegegehalten, daß das Gegenteil zutrifft. Überlegen Sie, was geschähe, wenn die internationale Tierbewegung eine ausdauernde und einheitliche Kampagne zur Förderung einer rein vegetarischen Ernährung hätte. Stellen Sie sich vor, was getan werden könnte, wenn ein wesentlicher Teil unserer Resourcen kanalisiert würde, um den Leuten bewußtzumachen, warum sie überhaupt keine Tierprodukte essen sollten. Nach fünf Jahren hätten wir sicherlich nicht den Weltveganismus erreicht, aber wir hätten wahrscheinlich den Verbrauch von Tierprodukten beträchtlich stärker verringert als dies durch die Kampagnen "eßt rotes Kalbfleisch" geschehen ist.

Und was hätten wir aufgegeben, wenn wir diesen Weg verfolgen würden? Peter Singer behauptet, daß fünf Zentimeter mehr Käfigplatz das beste ist, das Nutztieren in 25 Jahren geschehen ist; lediglich einhundert neue Veganer in fünf Jahren würden weit mehr "Leiden verringern" als das.

Wann werden wir anfangen? Mir ist natürlich klar, daß viele Leute in Führungspositionen nicht vegan sind. Daher finden sie es schwierig, sich Tierrechte in Form einer Bewegung zu eigen zu machen, in der die Ernährung auf der Grundlage von Gemüse ein Grundsatz ist. Veganimus ist jedoch die einzig wichtigste Kernfrage der Bewegung. Veganismus ist das abolitionistosche Prinzip, angewandt auf das eigene Leben. Wer von sich behauptet, für "Tierrechte" einzutreten, aber nicht vegan ist, kann nicht ernst genommen werden.

FoA: Schließt das nicht eine Menge wohlmeinender Leute aus?

Gary Francione: Viele Befürworter behaupten, daß es "elitär" sei, ein moralisches Ausgangsniveau wie den Veganismus zu fordern. Aber das ist genau so wie zu sagen, es sei "elitär", daß Feministen Vergewaltigung ablehnen müssen. Es ist einfach unvereinbar, vorzugeben, einen Tierrechtsstandpunkt zu vertreten, aber weiterhin Tiere zu konsumieren. Viele Befürworter scheinen zu glauben, daß Veganismus optional sei und daß es nur die "Veganpolizei" ist, die Veganismus fordert. Das ist nicht anders als im Zusammenhang mit der Befürwortung von Kinderrechten zu sagen, daß diejenigen, die jegliche Pädophilie verurteilen, die "Pädophiliepolizei" seien. Wenn ein Befürworter der Kinderrechte kein Mitglied der "Pädophiliepolizei" ist, ist er kein Befürworter der Kinderrechte.

FoA: Gibt es weitere Hindernisse, die Bewegung aus den Startlöchern zu bekommen?

Gary Francione: Der Tierrechtsstandpunkt lautet, daß die institutionelle Ausbeutung abgeschafft und nicht nur reguliert werden müßte. Aber verschiedene Gruppen und Institutionen, die für Tiere eintreten, sind sich bewußt, daß die abolitionistische Perspektive einige Spender beleidigen könnte. Deshalb wird der Standpunkt vieler Gruppen einzig durch Spendengelder definiert.

FoA: Und wenn sie nicht daran arbeiten, Tierbesitz abzuschaffen, erhalten wir zwangsläufig eine verhängnisvolle Tierschutzebene?

Gary Francione: Ganz genau. Und Tierschutz erfordert - sowohl als Moraltheorie wie auch als Rechtsprinzip - teilweise, daß wir menschliche Interessen gegen nichtmenschliche Interessen abwägen, um zu entscheiden, ob eine bestimmte Tiernutzung oder -behandlung "notwendig" ist. Wenn die menschlichen Interessen die nichtmenschlichen überwiegen, wird die Nutzung oder Behandlung als "notwendig" erachtet und ist moralisch oder juristisch gerechtfertigt. Wenn die Interessen des Tiers die menschlichen überwiegt, wird die Nutzung als "unnötig" und als moralisch und juristisch nicht zu rechtfertigen betrachtet.

Wie mein 1995 erschienenes Buch Animals, Property, and the Law (Tiere, Eigentum und das Gesetz) erläutert, besteht das Problem darin, daß wir, da Tiere Besitz sind, tatsächlich die Interessen der Besitzer gegen ihren Besitz abwägen. Und das ist absurd. Es ergibt keinen Sinn, über die Interessen von Eigentum zu sprechen, das nur den Wert hat, den ihm sein Besitzer zumißt. Das ist genau der Grund, weshalb die Gesetze, die vorgaben, die Sklaverei auf der Grundlage der Rasse in den Vereinigten Staaten zu regulieren, vollständig darin versagten, die Interessen der Sklaven zu schützen. Es war einfach nicht möglich, die Interessen eines Sklaven gegen die eines Sklavenbesitzers abzuwägen. Der Sklave war ein Stück Eigentum, ein Ding, das jemand besaß. Logisch betrachtet können wir nichtmenschliche Interessen nicht besser gegen unsere abwägen als wir unsere Interessen gegen die unserer Autos oder Armbanduhren abwägen können.

FoA: Sie sind Juraprofessor. Was sagen Sie denen, die meinen, Ihre Ansichten seien speziell solche, die auf ihrer juristischen Ausbildung beruhen?

Gary Francione: Ich habe keine Illusionen über die Nützlichkeit des Rechtssystems. Fälle tierärztlicher Kunstfehler, von Tierquälerei, von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz sind ziemlich bedeutungslos, was die Verringerung des Leidens betrifft, und haben absolut keine Auswirkung auf den Eigentumsstatus der Tiere. Aber sie sichern die Arbeitsplätze von Anwälten. Anna Charlton, die über ein Jahrzehnt mit mir an der Rutgers Universität Tierrechtsvorlesungen hielt, weist häufig darauf hin, daß das Rechtssystem niemals anders auf Tierbelange reagieren wird, bis nicht eine wesentliche Verschiebung im vorherrschenden gesellschaftlichen Konsens über Tierausbeutung eintritt. Größtenteils spiegelt das Gesetz die gesellschaftlichen Einstellungen wider, es formt sie nicht. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn das in Frage stehende Verhalten tief in die kulturelle Struktur eingebunden ist, wie das bei der Ausbeutung von Tieren der Fall ist. Solange die meisten Leute glauben, es sei in Ordnung, Tiere zu essen, sie in Versuchen oder für Unterhaltungszwecke zu gebrauchen, wird das Gesetz wahrscheinlich kein besonders geeignetes Mittel sein, um Tieren zu helfen. Wenn beispielsweise der Kongreß oder die Staatsgesetzgebung Massentierhaltung abschaffen würde, stiegen die Kosten für Fleisch und es gäbe eine soziale Revolte! Es gibt einige Anwälte, etwa die, die im Animal Legal Defense Fund (Vereinigung für Rechtsbeistand in Tierfragen) organisiert sind, die die Vorstellung vertreten, daß das Gesetz an an erster Stelle beim gesellschaftlichen Wandel zugunsten der Tiere stehen wird. Aber diese Leute verdienen ihren Lebensunterhalt mit ihrer Tätigkeit im Gesetzesbereich, und sie werden wohl kaum etwas anderes sagen, oder?

Nichtmenschen werden weiterhin ausgebeutet, bis es eine Revolution des menschlichen Geistes gibt, und das wird nicht geschehen ohne Visionäre, die versuchen, das Paradigma zu durchbrechen, das sich an patriarchale Gewalt gewöhnt hat und von dieser toleriert wird. Derzeit besteht die Aufgabe eines Tierrechtsanwalts nicht darin, eine Hauptantriebskraft der Veränderung innerhalb des Systems zu sein. Als Anwälte sind wir Teil des Systems, das besteht, um Eigentumsinteressen zu wahren. William Kunstler sagte mir, obwohl er der prominenteste Zivilrechtler des 20. Jahrhunderts ist, dennoch einmal, daß ich nie glauben sollte, daß der Anwalt der "Star" der Show sei. Unsere Aufgabe als Anwälte ist es, Sozialaktivisten Schwierigkeiten vom Hals zu halten. Meiner Ansicht nach ist ein nützlicher "Tierrechts"-Anwalt an einem Tag Strafverteildiger, der Aktivisten, die wegen zivilen Ungehorsams angeklagt sind, hilft; am nächsten ein Verwaltungsrechtler, der Aktivisten hilft, Demonstrationsgenehmigungen zu erhalten; und am nächsten ein Verfassungsrechtler, der Studenten hilft, die im Rahmen ihres Praktikums keine Vivisektion durchführen wollen, oder der Gefangenen hilft, die veganes Essen wollen. Aber der Anwalt dient und hilft immer den Aktivisten. Es ist der Aktivist, der hilft, das Paradigma zu verändern. Ohne entschlossene Klienten, die einen wachsenden gesellschaftlichen Konsens widerspiegeln, sind Anwälte nutzlos.

Da ich die Notwendigkeit der Revolution behaupte, lassen Sie mich klarstellen, was ich meine. Ich lehne absolut und unmißverständlich jegliche Form von Gewalt gegen Menschen und Nichtmenschen ab. Ich bin dem Prinzip der Gewaltlosigkeit fest verschrieben. Die Revolution, nach der ich strebe, ist eine aus dem Herzen: ich versuche andere Leute - besonders andere Männer - dazu zu bringen, Gewalt zu hinterfragen und abzulehnen. Ich bin daran interessiert, das Patriarchat zu stürzen sowie die Idee, daß manche Wesen - ob weiß, reiche Männer oder weiße Männer oder Menschen im Allgemeinen - einen größeren Wert haben als andere Wesen.

FoA: Was ist mit der Arbeit, die in Bezug auf die Persönlichkeitsrechte von Menschenaffen geleistet wird: wäre das nicht ein Beispiel für eine Bewegung innerhalb des Systems, die uns vorwärtsbringt, hin zu einer Gesellschaft, die es mit Gleichheit ernst meint?

Gary Francione: Es gibt wenigstens zwei ernsthafte Probleme mit der Kampagne für Persönlichkeitsrechte für Menschenaffen. Erstens verstärkt die Kampagne die Vorstellung, daß manche Tiere besser als andere seien, weil sie mehr "wie wir" sind. Das heißt, anstatt daß die Menschen an der Spitze stehen und alle Nichtmenschen am Boden, "erlauben" wir ein paar Tieren, die "wie wir" sind, herüber auf "unsere" Seite zu kommen. Dabei bleibt die große Mehrheit der "anderen" Tiere immer noch am Boden, ohne auch nur die Hoffnung, "herauf"zukommen, weil ihnen die menschenähnlichen Charakteristika fehlen, die diejenigen Tiere "besonders" machen, denen der Zugang zur bevorzugten Kategorie gewährt wird. Mit anderen Worten, die Kampagne für Persönlichkeitsrechte für Menschenaffen läuft Gefahr, eine Hierarchie durch eine andere zu ersetzen, ich aber bin darauf bedacht, daß wir die Vorstellung einer Hierarchie an sich beseitigen.

Zweitens ist die "Menschenaffenpersönlichkeitsrechts"-Kampagne nicht nur theoretisch unstimmig, sondern hat auch schreckliche Konsequenzen für Tiere in der Praxis. Es gibt derzeit eine ganze Heimindustrie kognitiver Verhaltensforscher, inspiriert von Jane Goodall, die darauf drängen, mehr Versuche durchzuführen, um zu zeigen, wie sehr verschiedene Affen "wie wir" sind. Ich nahm kürzlich an einer Konferenz teil, bei der verschiedene Forscher über verschiedene Versuche sprachen, die sie derzeit durchführen und die in Zukunft durchgeführt werden müßten, um zu bestimmen, wie sehr Affen "uns ähnlich" sind. Wie viel mehr "Forschung" wird erforderlich sein? Wie sehr müssen diese Tiere sein "Uns ähnlich sein", bevor sie in dieser Hierarchie befördert werden? Ich denke, daß die Kampane "Menschenrechte für Menschenaffen" mehr damit zu tun hat, finanzielle Zuschüsse für Forscher und gewisse "Affenrechts"anwälte bewilligt zu bekommen, als mit der Tierbefreiung. Statt auf die Befreiung von Tieren aus menschlichen Systemen zu bestehen, wurde ein Großteil der Aufmerksamkeit z.B. auf die Idee gerichtet, Gorilla Koko live bei AOL chatten zu lassen. Es gibt ein nie dagewesenes Interesse an Leuten, die generationsübergreifende Sprachstudien oder eine andere Form des Erkenntnisvermögens erörtern. Genug ist genug. Die Zielrichtung sollte Respekt für ihre angestammte Umgebung sein, keine zirkusartigen Vorführungen von Affen, die dressiert wurden, sich wie Menschen zu verhalten. Macht es die Tatsache, daß es unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit geschieht, weniger zu einem Zirkus? Macht die Tatsache, daß es in einem Gerichtssaal von einem Haufen Anwälte durchgeführt wird, weniger zu einem Zirkus? Diese Eskapaden zeigen einen Mangel an Sensibilität bezüglich der vergangenen vier Jahrzehnte grotesker Mißhandlung, die Affen in von Menschen erschaffener Umgebung erlitten. Wir wissen bereits, daß die anderen Affen ein komplexes Leben führen und einen beachtlich ähnlichen genetischen Aufbau mit uns teilen. Warum also zwingen wir ihnen weitere Kommunikationstest, Selbsterkennungstest und eine Vielzahl menschlich-gesellschaftlicher Interaktionen auf?

FoA: Aber waren Sie nicht ein Mitarbeiter des Great Ape Project?

Gary Francione: Ja. 1993 schrieb ich einen Aufsatz, "Persönlichkeit, Eigentum und Gesetzeskompetenz", der dem Great Ape Project beigefügt wurde, und ich war einer der Erstunterzeichner der Declaration on the Rights of Great Apes (Menschenaffenrechtserklärung). Ich war der erste Gesetzestheoretiker, der eine Theorie der Persönlichkeitsrechte für Menschenaffen vorlegte. Aber ich war in meinem Aufsatz von 1993 sehr darauf bedacht, klarzumachen, daß obwohl die Menschenaffen den Menschen sehr ähnlich sind, diese Ähnlichkeit hinreichend, aber nicht notwendig dafür ist, daß sie juristisch gesehen Personen sind. D.h., ich legte dar, daß das einzige für Persönlichkeit erforderliche Merkmal Bewußtsein ist. Wenn ein nichtmenschliches Wesen Schmerz empfinden kann, haben wir die moralische Verpflichtung, dieses nichtmenschliche Wesen nicht ausschließlich als ein Mittel für unsere Zwecke zu behandeln. Wenn dieses Wesen andere Interessan hat, müssen wir diese ebenfalls berücksichtigen, aber eine Rechtstheorie sollte nicht mit diesen zusätzlichen, über das Bewußtsein hinausgehenden Interessen zusammenhängen. Anders gesagt: Nur weil eine Kuh nicht die gleichen kognitiven Eigenschaften wie ein Schimpanse aufweist, heißt das nicht, daß es eher in Ordnung ist, eine Kuh zu essen, ebensowenig, wie die Tatsache, daß eine Kuh vielleicht andere Eigenschaften als ein Fisch hat, heißt, daß es in Ordnung ist, den Fisch zu essen. Das ist die zentrale Aussage in meinem neuesten Buch Introduction to Animal Rights (Einführung in die Tierrechte): Bewußtsein ist die einzige Eigenschaft, die notwendig ist, um das Recht zu haben, nicht als eine Sache oder Eigentum behandelt zu werden. Jane Goodall drängt derzeit afrikanische Menschen Ziegen statt Schimpansen zu essen. Warum? Weil Schimpanse "uns ähnlicher" sind als Ziegen? Das ergibt für mich keinen Sinn und Goodalls Standpunkt ist das Gegenteil des Tierechtsgedankens.

FoA: Welche Auswirkungen hat die Verschiebung des Schwerpunkts (von Empfindungsvermögen zu Intelligenz) für andere Tiere?

Gary Francione: Wir stoßen auf Fürsprecher der Tiere, die eine Lobeshyme auf mathematisch begabte Papageien singen, scharfsinnige Rettungshunde oder andere Tiere mit beeindruckenden Talenten - insbesondere solche, deren Intelligenz in irgendeiner Weise für uns von Nutzen sein kann.

FoA: Also muß Schluß sein mit Blindenhunden?

Gary Francione: Wenn wir es mit Tierrechten ernst meinen, haben wir die Verpflichtung, sie nicht für unseren Zwecken zu züchten. Wir würden komplett damit aufhören, Haustiere für menschliche Zwecke zu züchten.

FoA: In vorangehenden Ausgaben haben wir Ihre Ansichten über das als CHIMP Act bekannte Gesetz erörtert. Tragischerweise wurden Ihre Warnungen nicht beachtet. Und wie Sie vorhersagten, wurde ein Gesetz erlassen, das den Eigentumsstatus nichtmenschlicher Affen weiter verankert. Worauf deutet das hin?

Gary Francione: Dieses schreckliche Gesetz wurde von PeTA, der National Antivivisection Society, der American Antivivisection Society und prominenten Ausschußmitgliedern der New England Antivivisection Society unterstützt. Diese Unterstützung war ein deutliches Zeichen für die Wissenschaftler, daß sie ihr Geschäft der psychologischen und biomedizinischen Forschung weiterführen können, und zwar ungehindert, sogar mit Unterstützung von Gruppen, die sich in der Vergangenheit gegen solche Dinge ausgesprochen hatten. Wir sehen jetzt, daß Tierexperimentatoren PeTA, die "Tierversuchsgegner"gruppen und Jane Goodall auf ihre Seite ziehen können. Worauf deutet das für die Zukunft hin? Es ist ziemlich klar, daß der Gebrauch von Tieren in Versuchen ohne ernsthafte Kritik aus der Tierbewegung fortgesetzt werden kann; tatsächlich verringert die Tierbewegung ihren Widerstand gegen Tierversuche.

FoA: Dann sollten wir die Bewegung besser rasch aufwecken. Sie erwähnten, daß Peter Singer und PeTA die Idee der Abschaffung des Eigenumsstatus nicht fördern. Aber beide scheinen für die Meinungsbildung der Öffentlichkeit darüber, was Tierrechtsleute tun, eine zentrale Rolle zu spielen. Können sie als verantwortlich für die unwirksame Stellung der Fürsprecherbewegung betrachtet werden?

Gary Francione: Ironischerweise haben Singer und PeTA zusammen die Tierechtsbewegung in den Vereinigten Staaten ausgehöhlt. PeTA-Präsidentin Ingrid Newkirk teilte uns mit, daß Peter Singer ein Intellektueller sei, der alle Schattierungen des Themas betrachte. Newkirk verteidigte einen Aufsatz namens "Heavy Petting", in dem Singer Nettes über den Gedanken, Sex mit einem Kalb zu haben, zu sagen hatte - Sex mit Kuhbabys. Ich zitiere: "Genauso wie wir haben sie Penisse und Vaginas und die Tatsache, daß die Vagina eines Kalbs für einen Mann sexuell befriedigend sein kann, zeigt, wie ähnlich diese Organe den unseren sind." Nun, ich kann einen guten Zwischenton hier und da würdigen, aber bei Kuhbabys ziehe ich die Grenze.

Und dann haben wir PeTA, die Playboy Models zum Capitol Hill bingen, um die Aufmerksamkeit der Gesetzgeber zu erhalten. PeTA trivialisiert Aktivismus so wie Peter Singer die Theorie der Tierrechte trivialisiert. Zusammen haben diese Leute es geschafft, eine ernsthafte Idee in eine Peepshow zu verwandeln.

Ich denke, einige diese Führer sollten eine Auszeit nehmen, um menschliche Persönlichkeitsrechte respektieren zu lernen, bevor sie ihre Kampagnen weiterführen. Statt über intellektuelle Schattierungen nachzudenken, sollte PeTA der offensichtlichen Tatsache Aufmerksamkeit widmen, daß die Verknüpfung von Tierrechten mit dem Weltbild des Playboy eine grundlegend beunruhigende Botschaft vermittelt. Wenn Tierrechte der Pornographie Platz einräumen können, was für eine Art sozialer Bewegung ist das dann? Einige Kritiker sagten, die Tierrechtsbewegung sei zerfressen durch die Einstellung einiger Leute, die andere Menschen nicht mögen. Es ist an der Zeit, diese Kritik ernsthaft zu beachten. Es gibt keine grundlegende Unterscheidung zwischen dem Gedanken, andere menschliche Wesen und andere Tiere respektvoll zu behandeln. Unsere Kampagnen müssen in ganzheitlichen Begriffen denken.

Ich würde Tierfürsprecher dazu anregen, ein Grundprinzip zu verstehen: radikal Veränderung - eine Veränderung an den Wurzeln - kann nicht von großen Gesellschaften oder den Wohlfahrtseinrichtungen, die sie umwerben, bewirkt werden. Und nehmt euch auch vor "Experten" in acht. Wenn wir eine bestimmte Person oder Gruppe statt einer Idee als den Mittelpunkt der Bewegung betrachten, verleihen wir dieser Person eine Menge Autorität, die dann der Bewegung eine Menge Schaden bringen kann. Ein Beispiel für dieses Phänomen ist Singer selbst. Fürsprecher haben zugelassen - ja sogar ihn ermutigt und es ihm erleichtert - sich selbst als den definitiven Sprecher für "Tierrechte" vorzubringen. Wer Animal Liberation sorgfältig gelesen hat, weiß, daß Peter Singer keine Rechte für Tiere oder Menschen unterstützt. Er hat ständig dargelegt, daß es moralisch akzeptabel sei, Tiere zu essen und sie auf andere Weise zu benutzen (solange wir ihr Interesse, nicht zu leiden, ernst nehmen). Er betrachtet es außerdem als akzeptabel, behinderte menschliche Säuglinge zu töten und Menschen unter gewissen Umständen ohne deren Einverständnis zum Gegenstand biomedizinischer Forschung zu machen. Kürzlich befürwortete Singer Geschlechtsverkehr zwischen Menschen und Nichtmenschen. Die Bewegung hat Singer zu einer Art Gottheit erhoben. Mit Singers Ansichten nicht übereinzustimmen, wird von vielen als ein Akt der Abtrünnigkeit vom Tierrechtsgedanken interpretiert. Das Ergebnis ist, daß die Bewegung nun dasitzt mit einem Repräsentanten, der McDonald's preist, dafür eintritt, daß Menschen, deren Leben irgendwie als geringerwertig betrachtet wird, für uns andere geopfert werden können, und der verkündet, daß "gegenseitig befriedigende" sexuelle Beziehungen sich zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren entwickeln könnten.

FoA: Sie haben von "moralischer Schizophrenie" der menschlichen Haltung anderen Tieren gegenüber gesprochen. Was meinen Sie damit?

Gary Francione: Viele von uns leben mit Hunden, Katzen und anderen Tieren zusammen und betrachten sie als Familienmitglieder. Dennoch stecken wir Eßgabeln in andere Tiere, die sich nicht von denen, die wir als Familienmitgleider betrachten, unterscheiden. Das ist genau betrachtet ein seltsames Verhalten. Und auf breiterer gesellschaftlichere Ebene würde nahezu jeder zustimmen, daß es unmoralisch ist, Tieren unnötiges Leiden zuzufügen - was, nach jeglicher Definition des Begriffs, bedeutet, daß es nicht richtig sein kann, sie für menschliche Unterhaltung, Vergnügung und Bequemlichkeit leiden zu lassen. Schließlich würde eine Regel albern klingen, nach der es grundsätzlich falsch ist, sie leiden zu lassen, aber richtig, wenn wir es vergnüglich oder amüsant finden. Und trotzdem kann 99,9 Prozent unseres Gebrauchs anderer Tiere nicht anders gerechtfertigt werden, als aufgrund menschlichen Unterhaltung und menschlicher Bequemlichkeit. Wir befinden uns im Jahr 2002. Niemand vertritt die Ansicht, wir müßten Fleisch essen, um ein möglichst gesundes Leben zu führen. Stattdessen warnen eine wachsende Zahl von Gesundheitsexperten, daß der Verzehr von Fleisch und Milchprodukten der Gesundheit abträglich sind. Und Landwirtschaft mit Tieren ist eine ökologische Katastrophe. Es erfordert sechs bis zwölf Kilo Pflanzeneiweiß, um ein Kilo Tiereiweiß zu produzieren und etwa zweihundert Mal mehr Wasser, ein Kilo Fleisch zu produzieren als ein Kilo Weizen. Unsere beste Rechtfertigung dafür, Fleisch zu essen, ist, daß es gut schmeckt. Unsere beste Rechtfertigung für Rodeos, Zirkusse, Zoos, Jagd usw. ist Unterhaltung. Kurz, die westliche Kultur behautptet, die Interessen von Tieren ernst zu nehmen, und wir alle behaupten, unnötiges Leiden zu vermeiden; dennoch fügen wir Tieren Leid und Tod in Situationen zu, die in keiner Weise als notwendig bezeichnet werden können. Daher nenne ich es "moralische Schizophrenie".

FoA: Haben Sie ihre Ansichten über Theorie und Aktivismus über die Jahre geändert?

Gary Francione: Ich habe meinen Standpunkt gewechselt, ja. Ich begann damit, den Tierschutzansatz zu unterstützen. D.h., als ich zuerst hier hinein geriet, glaubte ich, daß wir Verbesserungen der Lebensbedingungen nachgehen sollten. Ich glaubte, daß das Aufmerksam-Machen auf ihre Lebensbedingungen zu einer Abschaffung der Nutzungsindustrien führen würde. Mit den Jahren wurde mir vollkommen klar, daß Tierschutz uns nur zu mehr Tierschutz führt. Wenn wir gegen die Errichtung eines Konzentrationslagers protestieren würden, wäre es angemessen, Verbesserungen des Lagers zu fordern? Nein, weil dabei auf einer bestimmten Bedeutungsebene zweifellos vermittelt wird, das Lager sei in Ordnung. Das einzig Angemessene, was wir unter diesen Umstände tun können, ist das Lager zu beseitigen, weil die Funktion des Lagers das Grundproblem ist. Die Frage ist nicht, auf welche Art und Weise es seine Funktion durchführt, sondern seine bloße Existenz.

FoA: Viele Tierschützer behaupten, Ihre Ansichten seien "spalterisch". Wie antworten Sie?

Gary Francione: Nicht mit den Ansichten anderer übereinzustimmen, bedeutet nicht "spalterisch" zu sein. Ich stimme mit den Tierschützern nicht überein. Ich betrachte Tierschutz als ineffektiv und kontraproduktiv. Ich denke, die empirischen Beweise zeigen absolut deutlich, daß Tierschutz nicht funktioniert. Trotz aller Tierschutzkampagnen des vergangenen Jahrhunderts benutzen wir heute mehr Tiere auf schrecklichere Weise als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Aber es gibt hierbei einen tiefergehenden Aspekt: Es gibt keine Diskussionstradition innerhalb der amerikanischen Tierbewegung. Wenn eine der großen Gruppen eine Kampagne ankündigt, wird von uns allen erwartet, auf den Zug aufzuspringen, ansonsten werden wir zu "Verrätern" erklärt. Peter Singer und Ingrid Newkirk beklagten sich kürzlich, daß ich ihre Ansichten angriff, obwohl wir jedoch alle "auf der gleichen Seite" stünden. Wenn es etwas gibt, dessen ich mir sicher bin, dann, daß ich nicht "auf der gleichen Seite" wie Peter und Ingrid stehe. Unsere Ansichten sind sehr unterschiedlich. Unsere Ziele sind sehr unterschiedlich. Wir brauchen mehr Uneinigkeit innerhalb der Bewegung, nicht weniger. Und wir sollten keine Angst davor haben, als "spalterisch" bezeichnet zu werden. Das ist die Bezeichnung, die diejenigen gebrauchen, die nichts Substanzielles auf legitime Kritik und Beobachtung antworten können.

FoA: Einige würden sagen, Ihre Tierechtstheorie sei ein Alles-oder-Nichts-Ansatz, und daß es ungerecht sei, den jetzt lebenden und leidende Tieren keine Tierschutzverbesserungen zuzugestehen. Unter der Voraussetzung, daß es lange dauern wird, bis Tierrechte anerkannt und etabliert sind, gibt es eine Möglichkeit, den heute leidenden Tieren zu helfen?

Gary Francione: Werdet vegan und verbringt wenigstens eine Stunde täglich damit, eure Familie, Freunde, Nachbarn und alle anderen, die zuhören, über die moralischen und ökologischen Argumente, die für Veganismus sprechen, aufzuklären. Ich kann euch garantieren, daß ihr nach einem Jahr mehr für den abolitionistischen Wandel getan - und den Weg für weitergehenden Wandel bereitet - haben werdet, als ihr erreicht hättet, die Zeit damit zu verbringen, Batteriekäfige größer machen zu lassen oder für "humanere" Schlachthäuser einzutreten. Wenn ihr für Kampagnen, die Gesetzesänderungen erreichen wollen, eintretet, dann tut das bei abolitionistischen, nicht reformistischen. In Rain Without Thunder habe ich Kritieren, um abolitionistische Kampagnen zu erkennen, erörtert. Aber ich kann nicht genug betonen, daß der wichtigste Schritt ist, vegan zu werden und Aufklärung für den Veganismus zu betreiben. Tierschutzkampagnen bewirken, daß wir uns besser fühlen, aber sie bewirken nichts, daß das Leiden der Tiere verringern würde.

FoA: Was denken Sie über Burger King's neuen Veggie Burger?

Gary Francione: Erstens ist der "Veggie Burger" überhaupt nicht "veggie". Der Burger wurde auf demselben Rost gebraten wie die Fleischprodukte, und das Brötchen enthält Kuhmilch. Und selbst wenn der "Veggie Burger" vegan wäre, ist es meine Ansicht, daß Tierbefürworter nicht die Aufgabe haben, Einrichtungen wie Burger King oder McDonald's zu unterstützen. Ich empfehle nicht, daß wir am Rand sitzen und die ganze Zeit Tierrechtstheorien herunterleiern sollen. Wie ich sagte, unterstütze ich intensiv Veganismus-Kampagnen. Ich würde aber Aktivisten mahnen, sorgfältig zu überdenken, wo und wie diese Kampagnen durchgeführt werden. Es gibt bessere Methoden, um für eine vegane Ernährung zu werben, als mit Hilfe von großen Fast-Food-Konzernen, die Tiere und Umwelt in etlichen Bereichen ausbeuten. Wir sollten für vegane Restaurants und Geschäfte werben; wir sollten die Leute nicht dazu ermutigen, bei Burger King zu essen. Es gibt keinen Unterschied in der Tatsache, daß Burger King einen "Veggie Burger" anbietet (der nicht einmal vegan ist), und der, daß Burger King Salate anbietet. Sollten wir alle zu Burger King rennen, weil es dort Salate gibt? Sicherlich nicht. Ich habe neulich in der Presse gelesen, daß Burger King und McDonald's zunehmend als Verbündete der Tierrechtsbewegung angesehen werden. Soweit es mich betrifft, sind solche Konzerne nicht mit einer Bewegung verbündet, an der ich interessiert bin.

FoA: Ein guter Rat. Haben Sie noch mehr Empfehlungen für uns?

Gary Francione: Ich wurde neulich von einem Tierfürsprecher gebeten, eine Liste mit Prinzipien aufzuschreiben, die als eine Kurzfassung dafür angesehen werden kann, was ich als die moralischen Grundsätze der wirklichen Tierrechtsbewegung ansehe. Ich würde mich glücklich schätzen, sie Ihren Lesern mitzuteilen.

1. Die Tierrechtsposition verficht, daß alle empfindungsfähigen Wesen, Menschen wie Nichtmenschen, dies eine Recht haben: das Grundrecht, nicht als Eigentum anderer behandelt zu werden.

2. Unsere Anerkennung dieses einen Grundrechts bedeutet, daß wir die institutionalisierte Tierausbeutung abschaffen, nicht lediglich reformieren müssen, weil sie davon ausgeht, daß Tiere menschliches Eigentum sind.

3. Genauso wie wir Rassismus, Sexismus, Ageismus [altersbedingte Diskriminierung] und Homophobie ablehnen, lehnen wir Speziesismus ab. Die Artzugehörigkeit eines empfindungsfähigen Wesens ist ebensowenig ein Grund, den Schutz dieses Grundrechts zu verwehren, wie Ethnie, Geschlecht, Alter oder sexuelle Orientierung ein Grund sind, anderen Menschen die Zugehörigkeit zur menschlichen moralischen Gemeinschaft zu verwehren.

4. Wir erkennen an, daß wir den Eigentumsstatus von Nichtmenschen nicht über Nacht abschaffen werden, wir werden jedoch ausschließlich solche Kampagnen und Standpunkte unterstützen, die sich ausdrücklich für die Abschaffung aussprechen. Wir werden keine Positionen unterstützen, die zu angeblich "verbesserten" Regelungen der Tierausbeutung aufrufen. Wir lehnen jede Kampagne ab, die Sexismus, Rassismus, Homophobie oder andere Formen der Diskriminierung von Menschen unterstützt.

5. Wir erkennen an, daß der wichtigste Schritt, den jeder von uns hin zur Abschaffung machen kann, der ist, ein veganes Leben zu führen und andere über Veganismus aufzuklären. Veganismus ist das Prinzip der Abschaffung angewandt auf das eigene persönliche Leben, und der Konsum irgendeines Fleisch-, Geflügel-, Fisch- oder Milchprodukts oder das Tragen oder Gebrauchen von Tierprodukten ist mit der Abschaffungsperspektive unvereinbar.

6. Wir erkennen das Prinzip der Gewaltlosigkeit als das Leitprinzip der Tierrechtsbewegung an.


Quelle: Nachdruck aus Act'ionLine, the Friends of Animals' magazine, Sommer 2002, 777 Post Road, Darien, CT 06820 USA - www.friendsofanimals.org
Übersetzung: Achim Stößer
URL: http://antispe.de/txt/interviewgaryfrancione.html auf antiSpe.de