Bertold Brecht

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Bühnenfassung

JOHANNA:
Darum wer unten sagt, daß es einen Gott gibt
Und ist keiner sichtbar
Und kann sein unsichtbar und hülfe ihnen doch
Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen
Bis er verreckt ist.
ALLE die zweite Strophe des Chorals. Johanna nicht mehr hörbar:
Schenke dem Reichen Erbarmen, Hosianna!
In deinen Armen, Hosianna!
Schenk deine Gnad, Hosianna!
Und deine Hilf dem, der hat, Hosianna!
Hab mit dem Satten Erbarmen, Hosianna!
JOHANNA:
Und auch die, welche ihnen sagen, sie könnten sich erheben im Geiste
Und stecken bleiben im Schlamm, die soll man auch mit den Köpfen auf das
Pflaster schlagen. Sondern
Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht und
Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.
ALLE die dritte Strophe des Chorals:
Hilf deiner Klasse, die dir hilft, Hosianna!
Aus reichlichen Händen, Hosianna!
Zerstampfe den Haß, Hosianna!
Lach mit dem Lachenden, laß, Hosianna!
Sein Missetat glücklich enden, Hosianna!
Während dieser Strophe haben die Mädchen versucht, Johanna einen Teller Suppe einzuflößen. Sie hat den Teller zweimal zurückgewiesen. Das drittemal ergreift sie ihn, hält ihn hoch und schüttet ihn aus. Dann sinkt sie zusammen.
PAULUS SNYDER:
Johanna Dark, fünfundzwanzig Jahre alt, gestorben an Lungenentzündung auf den Schlachthöfen, im Dienste Gottes, Streiterin und Opfer!
VIER SCHWEINE:
Ihr seid Menschen, wir sind Schweine
Drum bitten wir euch, nicht vergessen
Mittags und abends Schweine essen!
Jedem das Seine!
DIE SCHLÄCHTER:
Mensch, es wohnen dir zwei Seelen
In der Brust!
Hast du's gestern nicht gewußt
Gilt es heut sie zu vermählen!
ARBEITER:
Weil ihr uns kein Fressen gebt
Wenn wir euch nicht nützlich sind
Und man aber gerne lebt
Bitten wir Mann, Weib und Kind
Kauft uns!
DIE SCHLÄCHTER:
Und was ist es, was uns eint?
Die Liebe!
Was umschlinget Feind und Freund?
Die Liebe!
Liebe des Rindes zu seinem Schlächter
Liebe des Schlächters zu seinem Rind
Liebend wird der Menschenverächter
Wieder zum Kind.
Denn es ahnen Rind und Schlächter
Daß sie auch nicht schuldlos sind.
Daß das Schlachtvieh auch gesund sei
Das von Gott gegeben ist
Daß es so ein ewiger Bund sei
Zwischen Ochse, Schwein und Christ.


Quelle: Bertold Brecht, »Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Bühnenfassung, Fragmente, Varianten«, Suhrkamp Verlag, 1980
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