Pierre Boulle

Der Planet der Affen

(Auszug)

Sobald Zira und ich uns miteinander verständigen konnten, brachte ich die Rede auf den Hauptgegenstand meiner Neugier. Waren die Affen die einzig denkenden Wesen, die Krone der Schöpfung, auf diesem Planeten?

»Natürlich«, sagte sie, »ist der Affe das einzige vernunftbegabte Geschöpf, das einzige, das eine Seele besitzt. Sogar die größten Materialisten unter unseren Wissenschaftlern erkennen die übernatürliche Beschaffenheit der Affenseele an.«

Solche und ähnliche Äußerungen ließen mich immer wieder unwillkürlich zusammenzucken.

»Und was sind dann die Menschen, Zira?«

Wir unterhielten uns auf französisch, denn sie hatte, wie ich bereits erwähnte, meine Sprache schneller erlernt als ich die ihrige, und wie selbstverständlich duzten wir einander. Gleich am Anfang hatte es einige Interpretationsschwierigkeiten gegeben, da die Begriffe >Affe< und >Mensch< bei jedem von uns andere Vorstellungen hervorriefen; doch dieses Hindernis wurde rasch beseitigt. Jedesmal, wenn sie >Affe< sagte, übersetzte ich im Geiste: Hochstehendes Wesen, Gipfel der Evolution. Fiel die Bezeichnung >Mensch<, dann wußte ich, daß sie wilde Tiere meinte, denen ein Nachahmungstrieb innewohnte, die einige anatomische Analogien zum Affen aufwiesen, jedoch hinsichtlich der Intelligenz in einem Embryonalstadium verblieben waren und keinen Verstand besaßen.

»Es ist kaum ein Jahrhundert her«, trug sie in professoralem Tonfall vor, »daß wir auf dem Gebiet der Abstammungsforschung beachtliche Fortschritte erzielt haben. Man hielt ehedem die Arten für unveränderlich, mit allen ihren jetzigen Eigenschaften von einem allmächtigen Wesen erschaffen. Aber eine Reihe großer Denker - ausschließlich Schimpansen - haben uns eines Besseren belehrt. Wir wissen heute, daß die Arten sich weiterentwickeln und daß sie alle wahrscheinlich einen gemeinsamen Ursprung haben.«

»Der Affe stammt also vom Menschen ab?«

»Manche waren dieser Ansicht; aber das stimmt nicht ganz. Affen und Menschen haben sich aus einer gemeinsamen Urform getrennt entwickelt. Die ersteren erhoben sich nach und nach in den Rang denkender Wesen, die letzteren stagnierten in ihrer Dumpfheit. Übrigens weigern sich zahlreiche Orang-Utans noch immer, diese Lehre anzuerkennen.«

»Zira, du hast gesagt: Eine Reihe großer Denker, ausschließlich Schimpansen ...?«

Ich berichte diese Gespräche genauso, wie sie bruchstückweise stattfanden, einschließlich der Abschweifungen, zu denen mein Wissensdurst Zira veranlaßte.

»Fast alle großen Entdeckungen wurden von Schimpansen gemacht«, erwiderte sie stolz.

»Gibt es unter den Affen auch Kasten?«

»Wie du bemerkt haben dürftest, gibt es drei verschiedene Familien, von denen jede ihre Eigenheiten besitzt: Die Schimpansen, die Gorillas und die Orang-Utans. Rassenschranken, die ehedem existierten, wurden abgeschafft, daraus resultierende Streitfragen beigelegt, und zwar ebenfalls hauptsächlich auf Betreiben der Schimpansen. Heutzutage gibt es bei uns grundsätzlich keine Rassendiskriminierung mehr.«

»Die Mehrzahl der großen Entdeckungen wurden also von Schimpansen gemacht?« bohrte ich weiter.

»So ist es.«

»Und die Gorillas?«

»Das sind Kraftmeier«, erklärte sie verächtlich. »Früher waren sie die Herren, und viele von ihnen haben sich noch die Lust an der Macht bewahrt. Sie organisieren und befehlen gern. Sie lieben die Jagd und das Leben auf großem Fuße. Die ärmeren unter ihnen verdingen sich zu körperlichen Arbeiten.«

»Wie verhält es sich mit den Orang-Utans?«

Zira schaute mich an. Dann lachte sie.

»Sie verkörpern die offizielle Wissenschaft«, sagte sie. »Du hast es ja schon gemerkt, und du wirst es noch bei so manchen Gelegenheiten feststellen. Sie haben ein enormes Buchwissen. Alle gehören der Akademie an. Manche von ihnen gelten als Leuchten auf engbegrenzten Fachgebieten, die ein überdurchschnittliches Gedächtnis verlangen. Was den Rest betrifft...«

Sie winkte geringschätzig ab. Ich verfolgte das Thema nicht weiter, gedachte aber, später darauf zurückzukommen. Ich wechselte auf Allgemeines hinüber. Auf mein Ersuchen zeichnete sie mir den Stammbaum des Affen auf, wie ihn die besten Spezialisten rekonstruiert hatten. Dieser ähnelte im großen und ganzen den bei uns gebräuchlichen Darstellungen des Evolutionsprozesses. Von einem Stamm, der sich nach unten zu im Ungewissen verlor, zweigten nacheinander verschiedene Äste ab: Pflanzen, einzellige Organismen, dann Hohltiere und Stachelhäuter. Weiter oben gelangte man zu den Fischen, zu den Reptilien und schließlich zu den Säugetieren. Dann kam eine Gattung an die Reihe, die unseren Anthropoiden entsprach. Von da zweigte eine neue Linie ab: der Mensch. Sie war nur kurz. Der Hauptstamm hingegen stieg weiter empor zu verschiedenen Arten prähistorischer Affen mit barbarischen Namen. Schließlich endete er beim Simius sapiens, der in seinen drei Ausprägungen - Schimpanse, Gorilla, Orang-Utan - den Gipfel der Entwicklung darstellte.

»Das Gehirn des Affen«, führte Zira abschließend aus, »hat sich zu einem komplizierten Organ vervollkommnet, das Gehirn des Menschen jedoch hat keinerlei Veränderung erfahren.«

»Und warum, Zira, hat das Affengehirn sich so hoch entwickelt?«

Dazu hatte zweifellos die Fähigkeit zu sprechen in entscheidendem Maße beigetragen. Aber warum sprachen die Affen, und die Menschen nicht? Darüber gingen die Ansichten der Gelehrten auseinander. Einige erblickten darin das Walten einer höheren Macht. Andere leiteten die geistige Überlegenheit des Affen davon ab, daß er über vier bewegliche Hände verfügte.

»Höchstwahrscheinlich«, meinte Zira, »war der Mensch von Anfang an dadurch benachteiligt, daß er nur zwei Hände mit kurzen ungelenken Fingern hatte. Infolgedessen blieb er in seiner Entwicklung zurück und war unfähig, sich höheres Wissen anzueignen. Deshalb verstand er auch nie, ein Werkzeug sinnvoll anzuwenden. Aber bitte, es kann ja sein, daß er es früher einmal unbeholfen versucht hat... Man hat seltsame Spuren gefunden. Auch jetzt wieder befassen sich Forschungsarbeiten mit diesem Thema. Wenn du dich dafür interessierst, werde ich dich eines Tages mit Cornelius bekannt machen.«

»Cornelius?«

»Mein Verlobter«, sagte Zira errötend. »Ein großer, ein wirklicher Gelehrter.«

»Ein Schimpanse?«

»Selbstverständlich. Jawohl«, gestand sie, »auch ich bin dieser Ansicht: Die Tatsache, daß wir Vierhänder sind, stellt einen der wichtigsten Faktoren unserer geistigen Entwicklung dar. Das hat uns auch befähigt, uns auf die Bäume zu schwingen und so alle drei Dimensionen des Raumes auszukosten. Der Mensch indes, durch eine körperliche Mißbildung an den Boden gefesselt, konnte sich nicht zu dergleichen aufraffen. Unserer manuellen Geschicklichkeit entsprang die Lust am Konstruktiven, und auf diese Weise erreichten wir unser höheres Niveau.«

Auf der Erde hatte man oft mit genau den entgegengesetzten Argumenten operiert, um die Überlegenheit des Menschen zu erklären. Nach einigem Nachdenken mußte ich mir jedoch eingestehen, daß auch Ziras Standpunkt einiges für sich hatte.

Gern hätte ich das Gespräch fortgesetzt, zumal da ich noch eine Menge Fragen auf Lager hatte. Aber wir wurden durch Zoram und Zanam unterbrochen, die mit dem Abendessen kamen. Zira wünschte mir verstohlen eine gute Nacht und ging.

Ich blieb in meinem Käfig zurück, mit Nova als einziger Gesellschaft.

Wir waren mit dem Essen fertig. Die Gorillas hatten sich entfernt und sämtliche Lichter gelöscht, bis auf eines, das vom Eingang her einen schwachen Schein ausstrahlte. Gedankenverloren schaute ich Nova an. Es stand fest, daß sie Zira nicht mochte und meine Gespräche mit der Schimpansin mißbilligte. Anfangs hatte sie sogar einzugreifen versucht, indem sie im Käfig tobte und Zira mit Stroh bewarf. Ich hatte sie mit Gewalt beruhigen müssen. Nach einem Klaps aufs Hinterteil gab sie endlich Frieden. Anschließend tat es mir leid, daß ich mich hatte hinreißen lassen, aber sie schien es mir nicht nachzutragen.

Die geistige Anstrengung, die es mich gekostet hatte, um mich mit den Evolutionstheorien der Affen vertrautzumachen, hatte mich erschöpft. Ich war glücklich, als Nova im Halbdunkel meine Nähe suchte. Allmählich hatten sich zwischen uns gewisse Spielregeln der Vertraulichkeit ausgebildet, die auf einen Kompromiß zwischen irdischem Anstand und den Gebräuchen dieser primitiven Sorormenschen hinausliefen.

Pierre Boulle

(1912-1994)

Der Großteil von Boulles Werk befaßt sich mit seinen Erfahrungen in Südostasien. Seine bekanntesten Romane sind »Le pont de la riviére Kwaï« (1952, »Die Brücke am Kwai«) und »La planète des singes« (1963, »Der Planet der Affen«).


Quelle: Pierre Boulle, Der Planet der Affen, Goldmann, o.J.
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